Forschungsprojekte der Abteilung Entwicklungspsychologie

Leitung: Prof. Dr. Birgit Elsner

Entwicklung von Handlungssteuerung und Handlungsverständnis in den ersten 18 Lebensmonaten; Imitation; Beobachtungslernen; Erwerb von Funktionswissen.

Verschiedene Studien zu diesem Thema gehen der Frage nach, wie Kleinkinder in den ersten zwei Lebensjahren die Handlungen anderer Personen wahrnehmen, und wie sie sie in ihr eigenes Handeln umsetzen. Eine Handlung besteht aus mehreren beobachtbaren Komponenten: Eine motorische Bewegung wird ausgeführt, es werden Veränderungen (Effekte) in der Umwelt erzeugt, und es werden unter Umständen bestimmte Objekte verwendet. Um die Handlung imitieren zu können, muss das Kind die einzelnen Komponenten wahrnehmen, sie in Beziehung zueinander setzen, abspeichern und nach einer Verzögerung wieder erinnern. Grundannahme dieser Forschungsarbeiten ist: Welche Komponenten das Kind imitiert, ist abhängig vom kognitiven Entwicklungsstand, d.h. von den Wahrnehmungs-, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfähigkeiten des Kindes. Altersunterschiede in Imitationsleistungen können demnach als Indikatoren der frühkindlichen kognitiven Entwicklung angesehen werden.

Erhebung von psychophysiologischen Korrelaten der Aufmerksamkeit bei Säuglingen: Ereigniskorrelierte Potentiale (EKP), Elektroenzephalogramm (EEG), Herzrate.

Bei Säuglingen werden Aufmerksamkeitsprozesse üblicherweise durch Verhaltensmaße erfasst: Wie lange schaut ein Kind auf ein Objekt (Blickzeit) oder wie lange beschäftigt es sich mit einem Objekt (Examinationszeit)? Obwohl diese Maße objektiv und reliabel erhoben werden können, sind sie trotzdem indirekte Indikatoren für Aufmerksamkeit, weil sie abhängig vom Verhalten des Kindes sind. Psycho-physiologische Maße könnten ein direkteres Maß für Aufmerksamkeitsprozesse bieten. So ist z.B. bekannt, dass Zustände fokussierter Aufmerksamkeit mit einer verminderten Herzrate einhergehen. In einem Habituations-/Dishabituations-Experiment sollte man demnach erwarten, dass der Abfall der Blickzeit über die Habituationsdurchgänge und der Wieder-Anstieg im Testdurchgang begleitet ist von einem Anstieg der Herzrate über die Habituationsdurchgänge und einem Wieder-Abfall im Testdurchgang. Dies konnten wir in einer Kategorisierungsaufgabe mit 12 Monate alten Kindern nachweisen: Elsner, B., Pauen, S., & Jeschonek, S. (2006). Physiological and behavioral parameters of infants' categorization: Heart rate and duration of examining across trials. Developmental Science, 9, 551-556.

Der Einsatz des EEG erlaubt die Messung von elektrophysiologischen neuronalen Prozessen und kann auch zur Messung von Aufmerksamkeitsprozessen eingesetzt werden. Ein Vorteil dieser Methode ist die hohe zeitliche Auflösung, die Messungen für kurz präsentierte Reize ermöglicht. Des weiteren können aus der Verteilung der elektrophysiologischen Aktivitäten über die Kopfhaut Aussagen über die vermutliche Lokalisierung der interessierenden kognitiven Prozesse angestrebt werden. Vergleiche zwischen Kindern unterschiedlichen Alters erlauben Rückschlüsse auf die Entwicklung von Aufmerksamkeitsprozessen und den zugrunde liegenden Gehirnarealen.

Elektrophysiologische Korrelate des Verstehens von belebten Agenten und zielgerichteten Handlungen im Verlauf der Ontogenese.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Ivanina Henrichs

Teile des erwachsenen menschlichen Gehirns sind darauf spezialisiert, die Handlungen belebter Agenten wahrzunehmen und zu verstehen (vgl. Blakemore & Decety, 2001). Das Entdecken belebter Agenten ist zum einen ein wichtiger Vorläufer des Erkennens zielgerichteter Verhaltensabläufe in menschlichen Handlungen. Zum anderen ist diese Fähigkeit eine wichtige Voraussetzung für den Erwerb kultureller Fertigkeiten, wie beispielsweise im Rahmen von Imitation oder Spracherwerb (Elsner, 2007; Striano & Reid, 2006). Das Entdecken und Erkennen belebter Agenten ist demnach von entscheidender Wichtigkeit für die grundlegenden Komponenten der sozialen Kognition.

Bislang wissen wir nur wenig über die Entwicklung der neuronalen Systeme, die an der Wahrnehmung von Agenten beteiligt sind. Die Frage ist, ob die bei Erwachsenen gefundenen neuronalen Strukturen der Agenten-Erkennung angeboren sind oder ob sie in der frühkindlichen Entwicklung durch Reifungs- und\oder Lernprozesse erworben werden. Diese Information könnte das Verstehen von atypischen Entwicklungsverläufen fördern, wie sie z.B. bei Personen mit Autismus vorliegen. In diesem Projekt ist die Zusammenarbeit von zwei führenden Forschungsteams aus Großbritannien und Deutschland geplant, um die neuronalen Grundlagen des Erkennens belebter Agenten und zielgerichteter Handlungen in der frühen Kindheit zu untersuchen und diese Ergebnisse mit der Verarbeitung derselben Information bei Erwachsenen in Verbindung zu setzen.

Leitung: Dr. Viola Meckelmann

Körperliches Entwicklungstempo in der Pubertät und psychosoziale Entwicklung im Jugendalter / beginnenden Erwachsenenalter

Das körperliche Entwicklungstempo in der Pubertät, das durch große interindividuelle Variabilität gekennzeichnet ist, wird in der aktuellen entwicklungspsychologischen Literatur als eine bedeutsame Einflussgröße für die psychosoziale Anpassung im Jugendalter diskutiert. Neben den Auswirkungen, die individuelle Variationen im körperlichen Entwicklungstempo auf die weitere Entwicklung haben können, wird in diesem Zusammenhang aktuell aber auch nach möglichen Determinanten für Unterschiede im körperlichen Entwicklungstempo gefragt. Welche Bedeutung hat das körperliche Entwicklungstempo in der Pubertät für die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter? Lassen sich Zusammenhänge zwischen den Kindheitserfahrungen, dem körperlichen Entwicklungstempo in der Pubertät und der psychosozialen Entwicklung von Jugendlichen empirisch nachweisen? In Hinblick auf diese Fragestellungen soll auch die Entwicklung bis ins beginnende Erwachsenenalter mit einbezogen werden, einem Entwicklungsabschnitt, zu dem bisher erst relativ wenige empirische Studien vorliegen.

Leitung: Dr. Bernd Schellhas

Lernstrategien - Entwicklung und Anwendung im Vorschul- und Schulalter

Lernen entsteht aus der Interaktion des Lernenden mit seiner Lernumwelt und mit inneren Bedingungen (Kompetenzen und Eigenschaften des Lernenden). Der Lernende versucht bewusst oder unbewusst, geplant oder ungeplant mittels der Anwendung von Konzepten, Strategien und Techniken den Lernzielen näher zu kommen. Lernstrategien dienen der Erreichung von Lernzielen. Im schulischen Lernen müssen Lernstrategien den spezifischen Lernanforderungen adäquat sein (z.B. beim Problemlösen, Textverstehen, Gedächtnis, Lesen, Schreiben ...). Sie sind gegenstands- und anforderungsabhängig und hängen von den Lernkompetenzen des Lernenden und schließlich von seinem Entwicklungsstand ab.

Die gegenwärtige Forschung bezieht sich auf folgende Fragen:

Welche Rolle spielen aktuale personale Faktoren (Vorwissen, Intelligenz, Motivation, bereichsübergreifendes Lernstrategiewissen)?
Wie wirkt sich der Entwicklungsstand eines Schülers auf Wissen und Anwendung von Lernstrategien in unterschiedliche schulische Anforderungsfelder aus?
Gibt es Hinweise darauf, dass individuelle lernstrategische Prozessverläufe die Lernleistung voraussagen können?
Welche verlaufstypischen Lernprozesse und der darin wirkenden Lernstrategien und Lerntechniken charakterisieren Kinder unterschiedlichen Alters und Entwicklungsstandes?

Computergestützte psycholinguistische Therapie in der Geriatrie: Entwicklung eines computergestützten Sprachtests zur Erfassung der lexikalischen Verarbeitungsleistung in der Geriatrie

Typische Störungsmerkmale bei Aphasien sind eine verlangsamte Sprachverarbeitung und Störungen der Wortfindung und der Wortwahl, in deren Folge das Kommunikationsverhalten stark eingeschränkt wird. Ein wichtiger Bestandteil der Aphasiediagnostik sind deshalb Benenntests, die mit Objekt- und Handlungsbildern arbeiten. Aufbauend auf dem Bilddatensatz von Rossion & Pourtois ist ein Benenntest mit Normwerten für geriatrische Patienten in Entwicklung, der in der Aphasie- und Demenzdiagnostik eingesetzt werden soll. Besondere Berücksichtigung bei der Normierung finden die Kennwerte Vertrautheit, Namensübereinstimmung, Worthäufigkeit und die Latenzzeit. Das Projekt ist interdisziplinär mit der klinisch-linguistischen Abteilung des EGZB der Charité der Humboldt-Universität Berlin angelegt, die Programmierung und Realisierung des Testprogramms erfolgt in Kooperation mit der Firma Plik extern Link (Berlin).

Leitung: Dipl. Psych. Caroline Pfeifer

Der Weg ist das Ziel - Oder doch nicht?
Untersuchung des Imitationsverhaltens von Kindergartenkindern
(2008/2009)

Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder schon ab 12 Monaten eher das Ziel oder die Bedeutung einer Handlung imitieren als die jeweilige Bewegung (Carpenter et al., 2005, Dev. Sci. 8). Dreijährige Kinder wiesen in Studien gleichermaßen Zielpräferenzen auf (Gleissner et al., 2000, Dev. Sci. 3). Im Gegensatz dazu berichteten Wagner, Yocom und Greene-Havas (2008, J. Exp. Child Psychol. 100), dass die meisten Kinder in ihrer Studie die Bewegung auf Kosten des Ziels imitierten. In einer Teilreplikation und Erweiterung der Studie von Wagner et al. untersuchten wir das Verhalten drei- bis sechsjähriger Kindergartenkinder (N = 34, Alter: M = 54 Monate) in einer Imitations-Wahl-Aufgabe in Abhängigkeit unterschiedlich salienter Ziele (Boot/Bank bzw. grüne Schüssel/rote Schüssel). Zusätzlich wurde der Einfluss verbaler Hinweisreize des Versuchsleiters auf das Imitationsverhalten der Kinder betrachtet. Unser Anliegen war es, zu untersuchen, ob sich das Imitationsverhalten der Kinder abhängig von der Zielsalienz und den verbalen Hinweisreizen unterscheidet. Der Versuchsleiter führte eine zielgerichtete Handlung mit einem Stofftier auf einer Rampe vor. In der Imitations-Wahl-Aufgabe waren die Ziele auf der Rampe der Kinder vertauscht, deshalb mussten sich die Kinder entweder für die Reproduktion der Bewegung oder des Ziels der beobachteten Handlung entscheiden. Vorläufige Ergebnisse wiesen auf eine deutliche Zielpräferenz der Kinder hin und dies unabhängig von der Salienz der Ziele. Weiterhin ergab sich eine signifikante Interaktion zwischen der Wahl des Ziels und den verbalen Hinweisreizen, in dem Sinne, dass bei Betonung des Ziels dieses auch häufiger imitiert wurde. Tendenziell ließ sich eher bei den älteren als bei den jüngeren Kindern eine Bevorzugung des Ziels feststellen. Die Ergebnisse unserer Untersuchung zeigen, dass Kindergartenkinder eher das Ziel einer Handlung imitieren als die zielführende Bewegung und dass sie die verbalen Hinweisreize des Modells zur Interpretation von Handlungen nutzen.

Rationale Imitation bei 3-5-Jährigen (2009)

Die Imitation (Nachahmung) dient als Maß für die Entwicklung wichtiger Lern- und Denkprozesse. Durch die Imitation von Verhaltensweisen anderer Personen können Kinder komplexe Verhaltensweisen innerhalb kürzester Zeit lernen. Wir sind daran interessiert, wie Kinder zwischen 3 und 5 Jahren Handlungen anderer Personen wahrnehmen und sie verstehen. Im Rahmen des Projektes "Imitationsverhalten als Maß für soziale Kognitionen bei 3- 5-jährigen Kindern" wird untersucht, wie sich das Imitationsverhalten von Kindergartenkindern in Abhängigkeit unterschiedlicher Kontextbedingungen verändert. Im Rahmen dieser Studie werden Kindern verschiedene Bewegungen, unter anderem auch mit Spielzeugen, vorgemacht, welche dann von den Kindern je nach Bedingung unterschiedlich präzise imitiert werden.

Ehemalige Forschungsprojekte

Forschung unter Leitung von Prof. Dr. Hellgard Rauh

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